Für den ehemaligen Kraftwerksstandort Mehrum werden gegenwärtig verschiedene Nachnutzungen geplant: Eines der größten Gaskraftwerke in Deutschland, riesige Stromspeicher sowie eine Pommesfabrik. Von besonderer Bedeutung ist eine weitere Planung: In Mehrum soll eines der größten Deutschen Rechenzentren entstehen, gebaut durch einen us-amerikanischen Investor.
Bei einem für Rechenzentren typischen 24/7-Betrieb würde das Rechenzentrum in der Endausbaustufe mehr Strom verbrauchen als die Landeshauptstadt Hannover. Eine ebenfalls riesige Energiemenge würde als „Abwärme“ anfallen und aus der bisherigen Planung ist nicht erkennbar, dass ein wesentlicher Teil davon genutzt werden soll. Denn ein Wärmebedarf in der notwendigen Größe erfordert den Transport der Wärme nach Peine, Braunschweig und Hannover.
Wird die Wärme nicht abtransportiert, muss sie über eine Kühlanlage in die Umwelt abgegeben werden. Im Sommer bedeutet dies, dass, die Abwärme zunächst durch den Einsatz von Großwärmepumpen nochmal deutlich aufgewärmt werden muss, damit sie dann auf einem Temperaturniveau von 40 oder 50 °C ihre Wärme an die 25 oder gar 35 °C warme Außenluft abgeben kann. Auch dieser Prozess benötigt nochmals viel zusätzlichen Strom und die Lüfter der Kühlanlage erzeugen Lärm.
Weitere Umweltfragen betreffen die Schallemissionen, Sicherheitsaspekte und den Flächenverbrauch.
Zu diesen Fragenkomplexen soll am 11.November 2026 ein Expertenforum in der Leibniz Universität stattfinden.
Ablaufplan
Folgender Ablauf ist am Mittwoch, dem 11.11.2026 in der Leibniz Universität Hannover geplant:
17:30 Uhr: Begrüßung, Dr. Bernd Alt, BUND Hannover; Dr. Ina Rust, Institut für Soziologie, Hannover
17:45 Uhr: Einführung in die Rechenzentrumsbranche und Einordnung des Strom- und Wasserverbrauchs großer Rechenzentren. Dr. Jens Clausen, Borderstep Institut Berlin und Scientists for Future
18:10 Uhr: Möglichkeit einer Abwärmenutzung durch Wärme-Fernleitung nach Braunschweig / Peine oder Hannover und vorstellbare Alternativen. Niklas Wehbring, enercity contracting GmbH
18:40 Uhr: Welche Umweltwirkungen könnte das Rechenzentrum haben und was kann zur Begrenzung möglicher Umweltschäden getan werden? Dr. Werner Neumann, BUND Hessen
19:10 Uhr: N.N.: Kann das Rechenzentrum in Mehrum ein Beitrag zur digitalen Souveränität sein?
19:30 Uhr: Diskussion mit den Referierenden sowie eventuell zusätzlich
N.N., Telis Energie Deutschland (anzufragen)
Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Umwelt und Energie (anzufragen)
20.30 Uhr: Schlusswort und Verabschiedung, Dr. Reinhard Kind, HB Stiftung Berneburg gGmbH
Veranstalter: Der BUND Hannover, die HB Stiftung Berneburg gGmbH und die Regionalgruppe Hannover der Scientists for Future haben die Veranstaltung inhaltlich geplant.
Zielgruppe(n): Die Veranstaltung richtet sich primär an die Fachöffentlichkeit. Menschen aus den Bereichen NGOs und die allgemeine Öffentlichkeit können auch teilnehmen. Es wird die Möglichkeit geben, Posterbeiträge zu zeigen. Bitte senden Sie Ihre Anmeldung an i.rust@ish.uni-hannover.de
Hintergrund
Das Unternehmen Telis Energie Deutschland will nach eigenen Angaben einen Rechenzentrums-Komplex mit sechs Gebäuden auf rund 380.000 Quadratmetern Ackerfläche am Standort Mehrum bauen. Gegenwärtig wird ein Bebauungsplan aufgestellt. Das Unternehmen will mindestens eine Milliarde Euro investieren. Als Colocation-Rechenzentrum kündigt Telis Energie eine Anlage mit einer Anschlussleistung von langfristig 550 MW an. Wenn davon, realistisch betrachtet, in einem ersten Schritt 100 MW aufgebaut werden, so erfordert so ein Bau zum einen etwa 1 Mrd. € zur Errichtung der Gebäudehülle und der Klima- und Sicherheitstechnik. Weitere 10 Mrd. € Investitionen in Hardware sind erforderlich, um die riesigen Mengen an Rechenleistung aufzubauen, die sich mit 100 MW Leistung betreiben lassen. Wird das Rechenzentrum größer, steigen die Investitionssummen entsprechend. Vielfältige Umweltwirkungen sind zu erwarten, hier einige:
Riesiger Flächenverbrauch: Meist im Außenbereich von Kommunen angesiedelt besetzen Rechenzentren viele Hektar wertvolles Ackerland, das damit auf Dauer für die Landwirtschaft verloren geht.
Immenser Energieverbrauch: Das Rechenzentrum in Mehrum wird letztlich eine elektrische Leistungsaufnahme von 550 Megawatt haben. Da solche Rechenzentren an allen Tagen des Jahres rund um die Uhr aktiv sind, ergibt sich daraus ein Stromverbrauch der höher ist, als der der Landeshauptstadt Hannover incl. Industrie und Verkehr.
Ungenutzte Abwärme: Der verbrauchte Strom wird in Wärme umgesetzt. Dadurch entstehen Abwärmemengen, mit denen die Fernwärmenetze mehrerer Großstädte wie Hannover beheizt werden könnten. Für die Nutzung eines relevanten Teils der Abwärme gibt es aber bisher offenbar keine Pläne. Solche Verschwendung von Energie ist in Zeiten der zunehmenden Klimakrise verantwortungslos.
Permanenter Lärm: Rund um die Uhr laufen an warmen Tagen mächtige Ventilatoren für die Kühlung, was auch in einiger Entfernung noch für beachtliche Lärmpegel sorgen könnte. Dazu kommen noch Lärm und Abgase großer, dieselgetriebener Notstromaggregate, die monatlich Testläufe absolvieren müssen.
Bisher sind die Planungen zu dem Energie- und Industriekomplex Mehrum einer breiten Öffentlichkeit verborgen geblieben. Es herrscht zudem ein Ungleichgewicht an Informationen über die Planungen. Mögliche positive sowie mögliche kritische Aspekte für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft sollen durch die verschiedenen Expertenperspektiven – auch unter Einbindung von Fragen des Publikums – umfassend beleuchtet werden - möglicherweise als Beginn eines längeren Austauschprozesses.