BUND Region Hannover

Igelwaisen gefunden - ein Erfahrungsbericht.

04. Dezember 2023

Unser Vorstandsmitglied Dr. Bernd Alt staunt nicht schlecht, als er in seinem Garten eine handvoll kleiner Igelkinder vorfindet. Da von der Mutter tagelang keine Spur war, beschloss er die Waisenkinder aufzunehmen und zu pflegen. Ein Erfahrungsbericht.

 (Dr. Bernd Alt)

Bei einem Gartenrundgang gegen Mitte Oktober fiel uns ein kleiner Igel auf, kurze Zeit später waren es am selben Tag sechs! Sie hatten offenbar ein Nest unter einem großen, alten Farn, der eine dichte Kuppel aus vielen Lagen alter, vertrocknete Blätter bildete. Wir nehmen an, dass sie auch dort geboren worden waren. Die Mutter hatten wir seit Tagen nicht mehr gesehen. So klein, wie die Jungigel waren, mussten sie dringend auf die Waage, und da zeigte sich eine Gewichtsspanne von 167-220g. Vermutlich würden sie also alle den Winter nicht überleben, als Mindestgewicht zu Beginn des Winterschlafs wird zumeist von 500 g ausgegangen. Außerdem waren die Außentemperaturen für so kleine Igel deutlich zu niedrig – laut Igelzentrum Laatzen brauchen die Kleinen mindestens 20°C.

Also eine große Kiste organisieren und mit dicken Lagen und einigen geknüllten Knäueln von Zeitungspapier bestücken. Bis das erledigt war, hatte sich einer der Kleinen aus dem Staub gemacht, wir haben ihn nie wieder gesehen. Die übrigen Fünf zeigten uns im Wohnzimmer (einziger zur Not beheizter Raum), was für eine Kloake aus durchnässtem und verkotetem Zeitungspapier mit bestialischem Gestank sie innerhalb von weniger als einem Tag produzieren können.

Da musste eine andere Lösung her. Also kauften wir Katzenstreu und hatten damit schon mal optisch und geruchsmäßig eine deutlich bessere Situation (dicke Schicht streuen, damit sie sich ein wenig einbuddeln können, Wechsel alle 2 Tage). Laut Literatur und Angaben von Igelstationen soll man Igel unter solchen Aufzuchtbedingungen einzeln einquartieren. Wir hatten aber keine 5 großen Kisten und sahen außerdem, wie die Tierchen sich fast immer eng aneinander kuschelten - teils übereinander. Das führte uns zu der Überzeugung: Die sind ja noch Kleinkinder und noch nicht im Stadium der Einzelgänger, also ließen wir sie zusammen, was problemlos funktionierte. Was noch wichtig ist bei der Auswahl des Notquartiers: Es sollte mindestens ca. 35 cm hoch sein – Igel sind Meister im Ausbüxen, und in Ihrer Wohnung werden Sie das nicht wirklich erleben wollen.

Der zum Reinigen ihres Quartiers nötige Kontakt mit den Tieren war problemlos: Vorsichtig halt wegen der Stacheln, aber unter den Bauch gefasst ging das gut. Sie tolerierten es nach kurzer Zeit ohne Einrollen, und sie waren extrem friedlich. Dass sie sehr schmerzhaft beißen können, kann man nachlesen und es mag ja sein, aber diese kleinen Tiere konnte man sogar im Gesicht berühren (z.B. wegen Nahrungsrest am Augenlid), ohne dass sie Gegenwehr zeigten. Um ihnen das „Höhlengefühl“ zu geben, das sie wohl brauchen, wenn sie nicht unterwegs sind, deckten wir ihre Kiste mit einem dicken Saunatuch ab (Lüftungsspalt lassen!).

Und was sollten sie futtern? Überwiegend wird Katzenfutter empfohlen. Genau das kauften wir, in wechselnder Zusammensetzung incl. Fisch und möglichst proteinreich. Pro Tag haben die Fünf im Durchschnitt anderthalb Dosen à 400 g verknuspert, erhielten zusätzlich alle 2-3 Tage ein gut durchgegartes Rührei (eins für alle!) und nahmen sehr schnell Gewicht zu: Bei der Abschlusskontrolle nach 3 Wochen wogen sie 490-590g, waren putzmunter und weiterhin ohne erkennbaren Befall mit Parasiten. Ach ja: Trinken? Bloß keine Milch, die vertragen sie nicht! Täglich eine frisch gereinigte Schale frisches Wasser, und auch die Futterschale täglich reinigen und mit kochendem Wasser ausspülen!

Wir setzten sie somit Anfang November wieder neben ihrem Nest im Beet aus und fütterten sie täglich wie gewohnt weiter. Zum Schutz ihrer Futterschale (immer erst abends ausgebracht) nutzten wir eine umgestülpte Holzkiste, in die wir einen 10x10 cm großen Eingang schnitten. Sie blieben wie erwartet als „Familie“ zusammen unter ihrem Farn, wuchsen weiter zu schließlich recht stattlichen Exemplaren und fielen dann bei den ersten Nachtfrösten Ende November nacheinander in den Winterschlaf – in den 3 Wochen Freiheit noch mal etwas gewachsen und in zusätzlich in und um ihre „Höhle“ ausgebrachtes Laub eingebuddelt.

Das nächste Frühjahr wird zeigen, ob die Aktion eine Erfolgsgeschichte geworden ist, wir hoffen es sehr und wünschen es den kleinen, putzigen Kerlchen von Herzen!

Text: Dr. Bernd Alt, Vorstandsmitglied

Zur Übersicht

BUND-Bestellkorb